Ärzte in Kundus unter Beschuss

Oktober 2015April 2016

In den frühen Morgenstunden des 3. Oktober 2015 liefern sich afghanische Spezialkräfte in Kundus heftige Gefechte mit Talibankämpfern. Diese hatten wenige Tage zuvor überraschend Teile der Stadt eingenommen. Da sich die Rückeroberung sehr zäh gestaltet, fordert die afghanische Armee Unterstützung durch die US-Luftwaffe an. Wenig später trifft ein amerikanisches AC 130-Schlachtflugzeug in Kundus ein. Seine zahlreichen Kanonen und die 105-mm-Haubitze verschießen brandauslösende Munition und Splittergeschosse. Schnell gerät das von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen betriebene Krankenhaus ins Visier. Immer wieder nimmt die Flugzeugbesatzung die Intensivstation der Klinik unter Beschuss, setzt sie in Brand und schießt auf flüchtende Ärzte und Patienten.

Wir haben mit Florian Westphal gesprochen, dem Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland. Im Interview schildert er seine Sicht der Dinge – und fordert eine unabhängige internationale Untersuchung des Klinikbeschusses.

Florian Westphal ist Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen Deutschland | Foto: Barbara Sigge

Wie viele Opfer hat der Angriff auf die chirurgische Spezialklinik von Ärzte ohne Grenzen in Kundus gefordert?

Es sind insgesamt 42 Menschen bei diesem Vorfall gestorben, darunter alleine 14 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. Hinzu kommen unzählige Schwerverletzte. In dieser Nacht haben sich furchtbare Szenen abgespielt. Wir wissen, dass einige Patienten auf der Intensivstation in ihren Betten verbrannt sind, weil sie kurz vorher operiert wurden und nicht fliehen konnten. Kollegen haben in einem Nebengebäude versucht, notdürftig auf einem ganz normalen Tisch Notoperationen durchzuführen, zum Beispiel bei einem Mann mit fast ganz abgerissenem Bein. Das ist aber nicht gelungen und der Patient ist auf dem Tisch verstorben.

Was hat Ärzte ohne Grenzen im Vorfeld unternommen, um alle beteiligten Kriegsparteien über die Position des Krankenhauses in Kenntnis zu setzen?

Ärzte ohne Grenzen hat allen Kriegsparteien wiederholt die Koordinaten mitgeteilt. Das ist das übliche Vorgehen. Dies geschah sicherheitshalber auch noch einmal beim Aufflammen der Kämpfe wenige Tage vorher. Der Empfang wurde auch von allen militärischen Parteien bestätigt. Ohnehin war das Krankenhaus jedem in Kundus bekannt. Es war das einzige Gebäude, das nachts beleuchtet und auf dem Dach als Krankenhaus gekennzeichnet war. Jeder wusste, worum es sich bei diesem großen Gebäude handelt.

Wie haben die amerikanischen Streitkräfte den Beschuss anschließend erklärt?

Direkt nach dem Anschlag haben sowohl amerikanische als auch afghanische Stellen alle möglichen Interpretationen geliefert. Unter anderem hieß es, es seien bewaffnete Talibankämpfer in dem Krankenhaus präsent gewesen. All das hat sich als haltlos herausgestellt. Mittlerweile gibt es zwar einen Prüfbericht der amerikanischen Streitkräfte, doch dieser bleibt trotz häufiger Nachfragen unsererseits unter Verschluss. Wir kennen also wie alle anderen auch nur die 5-seitige Zusammenfassung, die ist öffentlich. Dadurch können wir den Vorfall nur sehr eingeschränkt beurteilen.

Warum ist der offizielle Untersuchungsbericht der US-Armee bis heute nicht einsehbar?

Es wurde von Seiten der Armee geäußert, man warte vor der Veröffentlichung erst weitere Stellungnahmen verschiedener US-Regierungsstellen ab. Wir fordern seit November vergeblich eine Veröffentlichung. Aber auch bei den bereits veröffentlichten Teilinformationen sehen wir Ungereimtheiten. So heißt es beispielsweise, die Angriffe hätten nur knapp über 30 Minuten gedauert. Unsere Mitarbeiter berichten aber, dass sie 70 Minuten gedauert haben. Insgesamt heißt es, das Krankenhaus sei gar nicht das eigentliche Ziel gewesen, sondern durch eine abenteuerliche Verkettung technischen und menschlichen Versagens irrtümlich bombardiert worden. Es gibt also eine Vielzahl offener Fragen. Doch über den spezifischen Bericht hinaus ist es für uns natürlich völlig ungenügend, wenn die verantwortliche Partei ihr eigenes Verhalten untersucht.

Sie haben eine Untersuchung durch die unabhängige Internationale Humanitäre Ermittlungskomission vorgeschlagen, die auf Grundlage der Genfer Konventionen handelt. Was ist daraus geworden?

Diese Kommission kann tätig werden, wenn einer der mehr als 70 Staaten, der die Klausel unterschrieben haben, den Untersuchungsprozess initiiert. Dazu gehört auch Deutschland. So weit uns bekannt ist, hat sogar einer der befugten Staaten eine solche Untersuchung beantragt. Allerdings müssen die in den Konflikt verwickelten Länder dieser Untersuchung auch zustimmen. Doch die USA haben auf das Angebot der Kommission bis heute nicht reagiert.

Wie hat sich die Bundesregierung bei der Forderung nach unabhängigen Ermittlungen eingebracht?

Wir hatten relativ schnell Gelegenheit, dem Bundesaußenminister den Vorfall direkt zu schildern und unsere Besorgnis zum Ausdruck zu bringen. Wir haben an ihn appelliert, dass sich auch die Bundesregierung für eine unabhängige internationale Ermittlung einsetzt. Mir wurde dann kommuniziert, dass man unsere Bedenken nach Washington und Kabul weitergeleitet habe.

Gab es eine Reaktion darauf?

Die Bundesregierung hat wohl vor allem bei der afghanischen Seite darauf gedrängt, dass die Vereinten Nationen die Mission und auch den Vorfall untersuchen sollten. Das ist mittlerweile auch geschehen. Die zuständige Human Rights Unit der UNAMA (United Nations Assistance Mission in Afghanistan) hat einen Bericht veröffentlicht. Darin verlangt sie ganz klar eine weitergehende unabhängige internationale Untersuchung.

Vor wenigen Tagen teilte die Nachrichtenagentur AP mit, dass nach Aussagen einer anonymen Quelle zwölf beteiligte US-Soldaten als Folge der Angriffe bestraft worden seien. Es habe aber lediglich Disziplinarstrafen gegeben. Betroffen seien zudem nur untere Dienstgrade, es gebe keine strafrechtlichen Ermittlungen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Davon haben wir bisher über diesen Bericht hinaus keine Kenntnis, insofern können wir das nicht beurteilen. Die mögliche Strafverfolgung von individuellen Verantwortlichen war aber auch nie unser Hauptanliegen. Es geht uns in erster Linie darum, dass ein Vorfall wie der in Kundus lückenlos und unabhängig untersucht wird. Was ist da passiert, warum ist es passiert und welche Schlussfolgerungen muss man daraus ziehen, damit es nicht wieder passiert? Schließlich erleben wir momentan international eine Häufung von Angriffen auf Krankenhäuser. Und die bleiben so gut wie immer völlig unermittelt. Wir denken, dies wird ohne einen Mechanismus der unabhängigen Faktenermittlung auch immer so weitergehen.

Die von Ihnen angesprochenen Angriffe eskalieren ja derzeit. Syrische oder russische Bomber haben in der jüngeren Vergangenheit etliche Krankenhäuser in Nordsyrien angegriffen. Auch die von Saudi-Arabien geführte Koalition griff gleich mehrfach Krankenhäuser im Jemen an. Dabei starben wieder Mitarbeiter Ihrer Organisation. Amnesty International sieht in diesem Beschuss die gezielte Strategie, Menschen aus Regionen zu vertreiben. Teilen Sie diese Sicht?

Für uns ist jeglicher Angriff auf eine medizinische Einrichtung oder Pflegekräfte völlig inakzeptabel. Wir verurteilen diese Angriffe aufs Schärfste. Um aber sagen zu können, inwiefern ein Angriff wirklich gezielt war oder ob es sich um menschliches Versagen handelt, dazu braucht man eben wirklich diesen unabhängigen Ermittlungsmechanismus. Es muss ganz klar festgestellt werden, ob es sich bei einem Angriff auf ein Krankenhaus um einen vorsätzlichen Angriff auf eine zivile Struktur gehandelt hat. Dann ist das ein Kriegsverbrechen. Oder hat es sich um einen anderen Umstand gehandelt. Wir wollen, dass man alle Verwundeten behandelt und zwar entsprechend ihres medizinischen Zustands und ihrer Bedürfnisse und unabhängig davon, wer sie sind. So, wie es im Völkerrecht festgeschrieben ist. Ohne Differenzierung nach politischen Überzeugungen oder religiöser Zugehörigkeit und im besten Sinne der Medizin. Das ist die Grundlage für das letzte bisschen Humanität, das man versucht, im Krieg aufrecht zu erhalten.

Sind denn Russland, Saudi-Arabien oder die USA nach diesen Bombardierung auf sie zugekommen, um derartige Geschehnisse in Zukunft zu vermeiden?

Mit den USA hat es immer wieder einen Dialog gegeben, daran arbeiten wir auch ständig. Über die Geschehnisse in Afghanistan haben wir natürlich auch immer wieder mit den Stellen vor Ort gesprochen. Wir wollen ausreichende Sicherheitsgarantien erhalten, um in Afghanistan arbeiten zu können und hoffentlich auch wieder die Arbeit in Kundus aufnehmen. So weit sind wir aber noch nicht. Mit Saudi-Arabien hat es auch immer wieder Kontakt gegeben. So haben wir den dortigen Stellen wiederholt die Koordinaten unserer eigenen und der von uns unterstützten Krankenhäuser im Jemen durchgegeben. Nach dem Beschuss wurde uns vermittelt, es sei kein vorsätzlicher Beschuss dabei gewesen. Auch hier muss es eine unabhängige Untersuchung geben.

Die Spezialklinik hat nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen in Kundus vor der Bombardierung in etwa vier Jahren 68.000 Notfallpatienten versorgt und 15.000 Operationen durchgeführt. Wer kümmert sich dort heute um die Verletzten?

Das Krankenhaus in Kundus funktioniert nach wie vor nicht. Das Hauptgebäude wurde komplett zerstört. Es gibt etwa 15 Kilometer außerhalb der Stadt einen kleinen Gesundheitsposten. Dort wurden in der Vergangenheit Verwundete und schwer erkrankte Menschen erst einmal stabilisiert, bevor sie dann an das Krankenhaus überwiesen wurden. In dem Posten kümmern sich afghanische Kollegen um Patienten, aber wir haben natürlich keine Überweisungsmöglichkeit nach Kundus mehr. Deshalb versuchen die Menschen, so gut sie das können, in anderen Städten behandelt zu werden. Die sind aber weit weg und sehr schwer zu erreichen. Wir haben von Menschen gehört, die bis nach Kabul gegangen sind, um dort die Behandlung zu erhalten, die sie brauchen. Leider muss man aber davon ausgehen, dass das für viele nicht möglich ist. Viele Menschen haben einfach keinen Zugang mehr zu Behandlungen und Operationen, die sie vor dem Angriff auf das Krankenhaus erhalten haben.

Wissen Sie, ob die Opfer der Angriffe entschädigt wurden?

Wir haben gehört, dass es von Seiten der Amerikaner finanzielle Angebote an die Hinterbliebenen und die Verletzten gegeben hat. Viele Familien stehen ja jetzt ohne Ernährer da. Wir sind an dieser Diskussion aber nicht beteiligt. Für uns ist nur wichtig, dass eine mögliche Kompensation auch angemessen ist. Dabei muss man aber im Kopf behalten, dass man diesen Verlust mit einer finanziellen Hilfe nicht ungeschehen machen kann.

Wie gehen Sie persönlich damit um, dass Ihre Kollegen immer wieder durch diese Gefahren bedroht sind?

Ein Vorfall wie in Kundus ist natürlich ein extremer Schock, den hat man wirklich in der ganzen Organisation gespürt. Jeder war als Einzelperson zutiefst betroffen. Auch wenn man diese Kollegen ja selbst nicht direkt gekannt und getroffen hat. Es fühlte sich teilweise so an, als sei man selbst angegriffen worden, auch wenn das ja fast ein bisschen lächerlich ist. Aber man weiß eben, was die Kollegen vor Ort machen und warum die da sind. Und man weiß, welche Opfer die Kolleginnen und Kollegen gerade in Syrien oder Afghanistan bringen, um ihrer Arbeit nachgehen zu können.

Verlässt Sie manchmal die Kraft, diesen Weg mit Ärzte ohne Grenzen weiter zu beschreiten?

Die Geschehnisse in der Welt sind zwar für uns hier in Berlin sehr direkt spürbar, aber wir sind trotzdem weit weg. Und wenn ich mir dann anschaue, wie die Kollegen und Kolleginnen im Feld in Jemen oder auch Afghanistan nicht einmal eine Sekunde daran gedacht haben aufzugeben, dann ist das einerseits extrem ermutigend und andererseits fühlt man sich auch sehr in die Pflicht genommen. Man denkt sich, wenn die unter den Umständen immer weiterkämpfen und weitermachen, um das zu erreichen, dann darf ich nicht einmal daran denken, aufzugeben.

(Titelfoto: MSF)

Update

Das US-Militär hat nun seinen offiziellen Untersuchungsbericht vorgelegt. Es bestätigt die Darstellung von Ärzte ohne Grenzen, dass sich im Krankenhaus keine bewaffneten Kämpfer aufgehalten haben. Dennoch habe man kein Kriegsverbrechen begangen. Ärzte ohne Grenzen kritisiert den Bericht und den Umstand, dass die US-Regierung keine unabhängige Untersuchung einleitet.

[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row][vc_row css=“.vc_custom_1493136496717{padding-top: 15px !important;padding-right: 15px !important;padding-bottom: 15px !important;padding-left: 15px !important;background-color: #ffffff !important;}“][vc_column][vc_custom_heading text=“Abonnieren Sie jetzt unseren kostenlosen Newsletter (max. 1x pro Woche)!“ font_container=“tag:h2|text_align:left|color:%23000000″ use_theme_fonts=“yes“][vc_column_text]

[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

Über den Autor

Boris Kartheuser

investigativer Journalist und Recherche-Trainer

Kommentieren

Themen

Kategorien