„Die Angst war sehr real“

November 2015Mai 2016

Cholera im Irak – und warum sie sich nicht weiter ausbreitete

Irak, November 2015. Bereits seit zwei Monaten grassiert die Cholera in der Gegend um Bagdad. Peter Hawkins, Landesdirektor von UNICEF Irak, äußert sich besorgt gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, er befürchtet ein Überspringen der Krankheit auf Nachbarländer wie Kuwait oder Bahrain. Sechs Monate danach sprechen wir mit Jeffrey Bates, Kommunikationschef des UN-Kinderhilfswerks im Irak, über die Gründe für diese Befürchtungen.

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Welche Konsequenzen hatte der Cholera-Ausbruch im Irak im vergangenen Jahr?

Auf nationaler Ebene gab es insgesamt 3.000 bestätigte Fälle – aber nur zwei bestätigte Todesfälle. Die Sterblichkei

Jeffrey Bates. Pressesprecher UNICEF Irak

tsrate dieser Cholera-Epidemie war also deutlich niedriger als angesichts der Anzahl bestätigter Fälle zu erwarten war.

Ist dies den Maßnahmen von UNICEF zu verdanken?

Es ist immer schwer zu sagen, was genau erfolgreich war. Vielleicht wäre die Cholera auch verschwunden, wenn wir nichts unternommen hätten. Aber man kann vergangene Epidemien und die Fallzahlen betrachten und die ergriffenen Maßnahmen miteinander vergleichen. Man kann allerdings schon messen, wie viele Menschen wir mit den Informationen zur Prävention erreicht haben und wie viele Menschen daraufhin zum Beispiel abgekochtes Wasser verwendet haben.

Das Einzige, was man am Ende des Tages sicher sagen kann, ist: „Wir hatten einen Plan, wir haben ihn umgesetzt mit dem Ziel, die Cholera-Fälle zu reduzieren oder ganz zu stoppen, die Fallzahlen sind zurückgegangen – deswegen nehmen wir an, dass unser Plan dazu beigetragen hat.“

Was haben Sie unternommen, um die Cholera-Epidemie einzudämmen?

Zusammen mit anderen Akteuren, insbesondere der WHO und den nationalen Gesundheitsministerien, haben wir eine Cholera-Task-Force gebildet und innerhalb der ersten 48 Stunden verschiedene Maßnahmen ergriffen: Wir von UNICEF haben uns darauf konzentriert, die Wasserversorgungs- und Abwassersysteme zu verbessern und WHO-Trinklösungen (ORS, oral rehydration solution = orale Rehydratationslösung) und Salze zu verteilen. Gleichzeitig haben wir eine Aufklärungskampagne in den Medien gestartet und den Menschen erklärt, wie Cholera übertragen wird, welche Präventionsmaßnahmen es gibt und auf welche Frühsymptome sie achten müssen – und mit medizinischer Behandlung, etwa Tropfinfusionen, kann man die Sterblichkeitsrate von bis zu 30 Prozent auf ein bis zwei Prozent senken. Wichtig war deshalb vor allem, dass die Menschen die Cholera-Symptome erkennen, um sich dann behandeln zu lassen.

„Wir hatten einen Plan, wir haben ihn umgesetzt mit dem Ziel, die Cholera-Fälle zu reduzieren oder ganz zu stoppen, die Fallzahlen sind zurückgegangen – deswegen nehmen wir an, dass unser Plan dazu beigetragen hat.“

Kam die Cholera-Epidemie im vergangen Jahr denn überraschend?

Nein, wir hatten damit gerechnet. Im Irak ist Cholera endemisch und tritt alle drei bis vier Jahre dort auf. Warum die Cholera-Ausbrüche hier diesem Muster folgen, wissen wir nicht genau. Es gibt solche vorhersagbaren Zyklen jedoch bei den meisten Krankheiten. Der vorherige Ausbruch war 2012, und der davor 2007. Diesem Rhythmus folgend war klar, dass die Cholera 2015 oder 2016 erneut im Irak ausbrechen würde.

Können Sie den typischen Verlauf einer solchen Epidemie beschreiben?

Typischerweise bricht Cholera im September aus, erreicht im Oktober oder November ihren Höhepunkt und nimmt im Dezember allmählich ab. Genau diesen Verlauf haben wir im vergangenen Jahr beobachtet. Zum Höhepunkt der Epidemie im November war die Ansteckungsgefahr also am höchsten, und auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen das Bakterium in sich tragen.

Ein zusätzlicher Risikofaktor dafür, dass die Epidemie auf Nachbarländer überspringt, war das schiitische Gedenkfest Arba’un – immerhin kommen dafür jedes Jahr etwa zehn Millionen Menschen aus verschiedenen Ländern nach Kerbala, südlich von Bagdad. 

Wir hatten deswegen einen massiven Anstieg der Cholera-Fälle im Irak befürchtet – aber auch in den Herkunftsländern, wenn die Menschen das Cholera-Bakterium mit nach Hause nehmen. Aber der Anstieg blieb letztlich aus, obwohl viele Millionen – manche schätzen 20 Millionen – Menschen während Arba’un in der Stadt waren. Wir haben eine Vielzahl von Vorsichtsmaßnahmen ergriffen: Informationen für die Bevölkerung, Wasserversorgungssysteme, damit die Menschen sauberes Wasser trinken können, Zugang zu medizinischer Versorgung. Letztendlich strömten viele Millionen Menschen in Kerbala zusammen und sind wieder abgereist, ohne dass wir einen nennenswerten Anstieg der Cholera-Rate gesehen haben.

War Ihre Sorge also unbegründet?

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Nein, die Vorsichtsmaßnahmen waren notwendig, weil die Folgen einer Cholera-Epidemie desaströs gewesen wären. Aus der Region um Bagdad brechen viele Menschen in andere Gegenden auf, aus wirtschaftlichen Gründen, sie sind auf der Flucht oder besuchen Verwandte. Deshalb war die Angst sehr real, dass die Cholera sich auf Nachbarländer ausweiten könnte – und das ist schließlich auch passiert. Glücklicherweise allerdings in sehr viel kleinerem Ausmaß als befürchtet und als bei früheren Cholera-Ausbrüchen.

Wie behalten Sie den Verlauf einer Epidemie im Blick?

Wir beobachten die Gesundheitssituation auf verschiedene Weisen: Die Gesundheitsstationen vor Ort, in den Dörfern, erfassen, wie viele Menschen sich mit wässrigem Durchfall – das Hauptsymptom der Cholera –  vorstellen. Menschen mit diesem Krankheitssymptom werden dann als wahrscheinlicher Cholera-Fall gezählt. Sicher sein kann man aber nur mit einem Labortest.

Im Irak gibt es Labore auf Ebene der insgesamt 18 Gouvernements. Diese schicken einige Proben an das nationale Labor, das die Proben untersucht. Dieses nationale Labor gibt die letztendliche Bestätigung, weil es dort die höchsten Untersuchungsstandards gibt.

„Die Folgen einer Cholera-Epidemie wären desaströs gewesen.“

Können die Labore angesichts der unruhigen Lage im Irak zuverlässig arbeiten?

Wegen der umfassenden Sicherheitskrise sind die Daten nicht immer verlässlich. In bestimmten Gebieten sind die Labore nicht voll funktionsfähig, weshalb die Ergebnisse nicht immer korrekt sind. Besonders in den Gebieten, die nicht unter der Kontrolle der Regierung sind, wissen wir nicht genau, wie die Situation in puncto Cholera genau ist. Genauere Zahlen bekommen wir nur aus den Regionen, in denen wir Zugang zu Laboren haben oder wo wir die Schätzungen aus den Labordaten verifizieren konnten.

Welche Rolle spielt Geld für Ihre Arbeit?

Eine ganz entscheidende, weil alle Hilfen, die UNICEF bietet, Ausgaben mit sich bringen. Der Irak gilt wegen des Ölexports als Land mit mittlerem bis höherem Einkommen. Allerdings haben die andauernde Krise und der Konflikt die Wirtschaft stark geschwächt. Auch der niedrige Ölpreis auf dem Weltmarkt hat die Möglichkeiten der Regierung und der Gouvernements für Investitionen im sozialen Bereich stark begrenzt.

Wie finanziert sich UNICEF?

UNICEF ist, wie andere Organisationen auch, auf Spenden angewiesen. Das Ausmaß dessen, womit es wir hier zu tun haben, erfordert immense Investitionen. Wir haben vor kurzem einen Spendenaufruf für 500 Millionen Dollar gestartet, allerdings für alle humanitären Hilfsorganisationen der UN. Von diesem Geld haben wir bislang 16 Prozent erhalten.

Einige unserer größten Geldgeber sind die Vereinigten Staaten, die deutsche Regierung, die japanische und die Regierung Großbritanniens. Wir haben insgesamt mehr als 30 einzelne Geldgeber, aber dies sind einige der größten. Dazu zählen auch Stiftungen, die Privatwirtschaft und die Zivilgesellschaft. Aber natürlich sind diese Spenden nicht so groß wie die der Regierungen.

„Wir sind noch nicht ganz über den Berg.“

Wie ist die Gesundheitssituation im Irak momentan?

Cholera ist in diesem Jahr wohl keine Gefahr mehr. Aber wir sehen hier wegen der aktuellen Krisensituationen Bevölkerungsverschiebungen in großem Ausmaß: Beinahe 3,5 Millionen Menschen mussten aus ihrer Heimat fliehen. Sie lassen sich in verschiedenen Regionen nieder, in denen sie keinen Zugang zu den Ressourcen haben, die sie zuhause hatten. Häufig sind die Menschen nur mit den Kleidern an ihrem Leib geflohen und dem, was sie mitnehmen konnten.

In manchen Gegenden beobachten wir einen Zuwachs an Unterernährung und Mikronährstoff-Mangel. In manchen Fällen sehen wir, dass Kinder arbeiten müssen und dadurch sehr gefährdet sind. Die Gesundheitssysteme haben versucht, darauf zu reagieren. Aber die Lebensmittelverteilung, der fehlende Zugang zu Ressourcen, der chronische Stress, den die Flucht mit sich bringt – all dies fordert allmählich seinen Tribut. Insbesondere Kinder sind unter solchen Bedingungen sehr viel stärker gefährdet.

Wir von UNICEF beobachten gemeinsam mit unseren Partnern, ob es Fälle von akuter und chronischer Unterernährung gibt, die sich als Auszehrung bzw. Verkümmerung zeigen – und leider gibt es Anzeichen dafür, dass beides bereits passiert.

Ist die Cholera-Gefahr denn jetzt wenigstens gebannt?

Wenn es im Irak im Herbst einen Ausbruch gibt, folgt häufig ein zweiter, schwächerer im Frühling. Die Gesundheitsorganisationen und -ministerien beobachten die Zahl der Cholera-Fälle – bisher haben wir zum Glück keine bestätigten Fälle. April und Mai sind die Monate, in denen wir mit einem erneuten Ausbruch rechnen, falls es dazu kommen sollte. Jetzt ist es Mai und wir hatten noch keine Cholera-Fälle.

Wir sind noch nicht über den Berg, aber wir nähern uns dem Ende des Zeitraums, in dem Cholera erneut auftreten kann. Dennoch müssen wir in den nächsten Wochen wachsam bleiben, um sehr schnell reagieren zu können, falls wir doch noch einen Ausbruch erleben. Cholera wird eines Tages mit Sicherheit erneut auftreten. Wir bereiten uns darauf so gut wie möglich vor, um die negativen Auswirkungen zu reduzieren.

Ende April gab es in Bagdad einen IS-Terroranschlag mit fast 20 Toten. Demonstranten haben das Parlament gestürmt. Inwiefern beeinflusst die angespannte politische Lage Ihre Arbeit?

Wir rechnen damit, dass so etwas erneut passieren kann. UNICEF hat Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, um dafür zu sorgen, dass die nationalen und internationalen Mitarbeiter in Sicherheit sind, und wir hoffen, dass es friedlich bleibt. Generell ist die Arbeit im Irak mit großem Stress verbunden, weil man in solch einer chronischen Krisensituation nie vorhersehen kann, was passiert. Etwa zehn Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Wir müssen uns um sie kümmern und sind gleichzeitig um unsere eigene Unversehrtheit bemüht.

Aber die Menschen, die hier arbeiten, wissen, dass der Job sehr anstrengend ist. Wir behalten im Blick, wie es unseren Mitarbeitern geht und stellen sicher, dass sie sich ausreichend erholen. Wenn die Dinge außer Kontrolle geraten, wenn es Protest oder eine Krisensituation gibt, erhöht das natürlich den Stresslevel. Wir versuchen dann, uns so gut wie möglich um unsere Mitarbeiter zu kümmern und ihnen so viel Erholung zu ermöglichen, wie sie brauchen.

Übersetzt aus dem Englischen

Titelbild: SFC Larry E. Johns, USA [Public domain], via Wikimedia Commons

Über den Autor

David Korsten

*1982, freier Autor und Journalist in Köln

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