Gefängnis für Doper – wann fällt das erste Urteil?

Dezember 2015Juni 2016

Der Profisport bewegt Geld und Emotionen. Kein Wunder, dass Sportler, Betreuer und Funktionäre seit Generationen den Spitzenleistungen auf die Sprünge helfen – und zwar mit allerlei chemischen Substanzen und medizinischen Praktiken. Diesen Missstand wollte die Bundesregierung bekämpfen und schuf ein Antidopinggesetz. Das gilt seit Dezember 2015, und Sportlern in Deutschland droht eine Freiheitsstrafe, wenn sie dopen. Follow Up hat nachgefragt: Was bringt das Gesetz in der Praxis?

Für Leistungs- und Profisportler in Deutschland brach Ende 2015 eine neue Epoche an. Seither droht ihnen eine Gefängnisstrafe, wenn sie zu Dopingmitteln greifen. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) kümmerte sich persönlich um das „Gesetz gegen Doping im Sport“, aber seine Einführung erforderte langwierige und komplexe Abstimmungen zwischen Politikern, Sportverbänden und Juristen. Aus dem organisierten Sport gab es viel Widerstand gegen die Regelung – und diese kritischen Stimmen sind seither nicht verstummt. Was wäre denn, fragen die Gegner des Gesetzes, wenn ein Profi seinem Konkurrenten bei einem Wettkampf Dopingsubstanzen in die Tasche steckte? So argumentierte etwa Diskus-Olympiasieger Robert Harting. Noch während der Beratungen zur Gesetzgebung kündigten etliche Leistungssportler Verfassungsbeschwerden an.

Ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes stehen diese Beschwerden noch nicht auf der Verhandlungsliste des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe. Stattdessen haben die Staatsanwaltschaften im Land zaghaft begonnen, auf Grundlage des neuen Antidopinggesetzes zu ermitteln. In bislang 14 Fällen bundesweit wies die Nationale Antidoping-Agentur (Nada) die zuständigen Staatsanwaltschaften auf positive Dopingproben hin. „Wir beginnen in diesen Fällen unmittelbar mit den Ermittlungen, ehe der Sportverband, der Verein und der Athlet durch die Nada informiert werden“, erklärt Sebastian Wußler von der Freiburger Staatsanwaltschaft. Nach Ablauf einer Frist von üblicherweise sieben Tagen beginnen die sportrechtlichen Prozeduren, die schnell zu einer Sperre führen können – während die strafrechtlichen Untersuchungen weit länger andauern.

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Ist das neue Antidopinggesetz verfassungswidrig?

Das erste Mal, dass die Öffentlichkeit in Deutschland von Ermittlungen nach neuer Gesetzeslage erfuhr, war im Februar. Zwei Athleten des baden-württembergischen Ringer-Bundesligaklubs ASV Nendingen waren im Januar positiv auf die Substanz Meldonium getestet worden – ein Mittel, das erst seit Jahresbeginn auf der Dopingliste steht und auch dem Tennis-Superstar Maria Scharapowa eine Sperre einbrachte. Daraufhin informierte die für die Kontrollen zuständige Nada die Staatsanwaltschaft Freiburg, die neben der Münchner Behörde als bundesweit einzige Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Dopingsachen ermittelt. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft rückte das Landeskriminalamt im Februar an, wobei weitere Hinweise gefunden und die Ermittlungen auf weitere Beteiligte ausgeweitet wurden.

Die angekündigten Verfassungsbeschwerden sind sicher in Teilen Schutzreflexe.
– Lars Mortsiefer, Nada-Vorstandsmitglied

Wenn die Nada Anzeige erstattet, geht aus einem positiven Dopingbefund ein Anfangsverdacht hervor, auf dessen Basis die Justiz ihre Arbeit aufnimmt. Der Anwalt des ASV Nendingen, Frank Zipper, protestierte nach der Razzia bei seinen Mandanten gegen das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Es würden sport- und strafrechtliche Erkenntnisse vermischt – und es werde unverhältnismäßig hart ermittelt, etwa mit Hausdurchsuchungen auf Basis eines positiven Tests. Zipper kündigte eine Verfassungsbeschwerde an – doch diese ist bislang noch nicht erfolgt. Erst müsse er den Rechtsweg erschöpfen, erklärte Zipper auf Anfrage.

„Die angekündigten Verfassungsbeschwerden sind sicher in Teilen Schutzreflexe“, sagt Nada-Vorstand Lars Mortsiefer. Das Gesetz sei schließlich nicht in einer Nacht- und Nebel-Aktion entstanden, sondern nach ausgiebiger Beratung, Korrekturen und unter Beteiligung dreier Ministerien zustande gekommen. Entsprechend sieht man auch im Bundesjustizministerium keinen Besserungsbedarf: „Nach Auffassung der Bundesregierung ist das Gesetz verfassungskonform, so dass es einer ‚Klarstellung’ nicht bedarf.“ Auch der Tübinger Jurist und Kriminologe Dieter Rössner, bekannt für seine Unterstützung des 5000-Meter-Olympiasiegers Dieter Baumann in dessen Dopingverfahren, hält das Gesetz nicht für verfassungswidrig – seiner Meinung nach rechtfertigt das Rechtsgut der Chancengleichheit im Spitzensport die harte strafrechtliche Sanktionierung.

Meine Befürchtung ist, dass eigenaktive Ermittlungen kaum vorkommen werden.
– Dieter Rössner, Kriminologe und Jurist

14 Fälle in sechs Monaten: kaum abschreckende Wirkung

Doch welche Wirkung kann ein solches Gesetz tatsächlich haben? Innerhalb von sechs Monaten, da sind sich die Experten einig, ist das kaum absehbar. Aber man kann bereits erkennen, wo Probleme erwachsen könnten. 14 Fälle in sechs Monaten, das klingt nach viel – aber im Verhältnis zur vermuteten Dunkelziffer, sagt Dieter Rössner, werde diese Zahl nicht für Abschreckung sorgen. Doch eben diese Abschreckung möglicher Doper ist das erklärte Ziel des Bundesjustizministeriums, wie es auch gegenüber Follow Up bestätigt.

Die Crux: Wenn die Staatsanwaltschaften immer erst auf Information der Nada hin tätig werden, wie dies bislang der Fall ist, tritt die eigentliche Macht des Gesetzes nicht zutage. „Der Kern des Gesetzes ist die offensive Ermittlung – der Versuch, mit Polizei und Justiz in die Strukturen des Dopings einzudringen. Hier gibt es mit Hausdurchsuchungen und sogar Telekommunikationsüberwachung offensive Möglichkeiten“, sagt der Kriminologe Rössner, doch: „Solche Fälle gibt es noch nicht. Meine Befürchtung ist auch, dass die eigenaktiven Ermittlungen kaum vorkommen werden.“

Das liegt auch daran, dass es in den Behörden an Juristen fehlt, die sich gezielt mit Doping auseinandersetzen könnten: Bei der Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Freiburg gibt es drei Mitarbeiter, die entsprechende Fälle bearbeiten. Andernorts ist der neue Straftatbestand lediglich eines von vielen Themen, was es den Staatsanwälten erschwert, Know-how aufzubauen. Immerhin veranstaltet die Nada gelegentlich Workshops zum Informationsaustausch – und auch in den Lehrgängen der deutschen Richterakademie in Wustrau gehört das neue Gesetz schon zum Themenplan.

Behörden in der Kritik – der Fall Marco Russ

Dass sich die Justiz mit ihren Ermittlungen nach Dopingverdacht mitunter heftigen Gegenwind einfängt, war zu erwarten. Besonders deutlich wurde dies im Fall des Frankfurter Fußballprofis Marco Russ, bei dem die Staatsanwaltschaft im Mai – am Vortag des ersten Bundesliga-Relegationsspiels – eine Haus- und eine Hotelzimmerdurchsuchung erwirkte. Die Nada hatte in einem Dopingtest Wachstumshormon gefunden und daraufhin die Behörde informiert. Diese begann zu ermitteln, während die Nada das Testergebnis kurzerhand auch an den Deutschen Fußball-Bund weiterleitete. Dieser gab die Nachricht an die Frankfurter Eintracht und Marco Russ weiter. So wusste der Spieler Russ bereits von dem Test, bevor die Staatsanwaltschaft anrückte.

„Wir haben hier in relativ kurzer Zeit viele Entscheidungen treffen müssen – viele Abwägungen, die nicht einfach waren“, berichtet Nada-Vorstand Mortsiefer: Der Dopingverdacht hätte im Zweifel erhebliche Konsequenzen für den Spielbetrieb haben können. Also habe die Nada schnell auch sportrechtlich handeln müssen. Außerdem bestand die Möglichkeit, dass das Test-Resultat gar nicht von Doping, sondern von einer Tumorerkrankung herrührt – so hat es sich ja gemäß offizieller Bekanntgabe von Russ‘ Verein schließlich auch bestätigt. Als aber die Behörde ihre Ermittlungen vornahm, ließ die öffentliche Kritik nicht lange auf sich warten. Eintracht Frankfurts Präsident Peter Fischer sprach von einem „Skandal“. Danach gab es ein öffentliches Scharmützel zwischen Staatsanwaltschaft und Verein.

Diese Ermittlungen können langwierig sein und im Gegensatz zum Sportrecht stehen, wo oft schnelle Konsequenzen nötig sind.
– Sebastian Wußler, Staatsanwaltschaft Freiburg

Der Fall zeigt eine Schwachstelle auf: Die Nada ist das Bindeglied zwischen Sport- und Strafrecht. Sie muss, üblicherweise innerhalb von sieben Tagen, nach der Information an die Justiz auch den betroffenen Sportverband und den Athleten informieren. Im Zweifel wird sie jedoch sofort tätig, wenn akute Gefahr für den regulären Wettbewerb besteht – siehe Fall Russ. In solchen Szenarien hätten Ermittler mitunter schlechte Karten, wie Nada-Vorstand Mortsiefer eingesteht: „Es besteht die Gefahr, dass Beweise zur Seite geräumt werden. Aber wir haben versucht, unsere Hausaufgaben zu machen. Wir haben Staatsanwaltschaften und Ermittler genau auf die Probleme hingewiesen, die wir haben kommen sehen.“

Ermittler unter Erfolgsdruck – wie die Athleten

Staatsanwalt Wußler aus Freiburg kennt die Zusammenarbeit mit der Nada, er weiß: Wenn seine Behörde die Ansicht vertritt, dass Verband und Athlet zur Sicherung der strafrechtlichen Ermittlungen noch nicht informiert werden sollen, „dann können wir unsere Auffassung der Nada übermitteln. Die Nada entscheidet aber darüber, da sie ja auch die sportrechtliche Dimension berücksichtigen muss.“ Und eben hier sieht der Jurist und Kriminologe Dieter Rössner Lernbedarf: „Ich würde mir erhoffen, dass die Nada in Einzelfällen auch noch einmal mehrere Wochen abwartet, bis sie die Betroffenen informiert. Sie bleibt hier bislang relativ stur bei ihren Fristen, ohne auf die Belange der Staatsanwaltschaft allzu viel Rücksicht zu nehmen.“

Staatsanwalt Wußler sagt, die Verfahren seien ausgesprochen aufwendig, benötigten „erhebliche Ermittlungen“ bei großer Öffentlichkeitswirksamkeit sowie Aufmerksamkeit der Verbände. „Diese Ermittlungen können langwierig sein und im Gegensatz zum Sportrecht stehen, wo oft schnelle Konsequenzen nötig sind.“ So stehen nicht nur die Athleten, sondern auch diejenigen Juristen unter erhöhtem Wettbewerbsdruck, die die chemischen Substanzen aus dem Sport vertreiben wollen, glaubt auch Kriminologe Dieter Rössner: „Man muss Erfolge vorweisen, sonst läuft das immer nebenher. Es geht um Wahrnehmung in der Öffentlichkeit – etwa einen Fall des systematischen Dopings bei einer großen Sportveranstaltung.“

Es wird wohl maßgeblich von den schnellen Ermittlungserfolgen der Behörden abhängen, ob das Gesetz letztlich die beabsichtigte Wirkung erzielt – oder eben nicht. Blickt man auf die vielen Felder, auf denen die Staatsanwaltschaft tätig ist, berücksichtigt man den Personalmangel, bedenkt man zudem, dass die ausschlaggebenden Informationen für Ermittlungen bisher immer aus dem Sport selbst kommen – dann ist Skepsis angesagt, ob das Gesetz schon bald die erwünschte Wirkung entfalten wird.

Über den Autor

Tim Farin

Freier Journalist aus Köln, 1976 geboren, Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule, München.

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