Horrorclowns vor Gericht

November 2016Mai 2017

Als es dunkel wurde im Herbst 2016, spielten Verkleidete anderen Menschen makabre und teils brutale Streiche. Über die Folgen des Spuks.

A m 24. Mai dürfte dem Amtsgericht in Recklinghausen eine seltene überregionale Aufmerksamkeit sicher sein. Dann müssen sich auch im Westen Deutschlands zwei Menschen verteidigen, die im vergangenen Herbst als Horrorclowns Unbeteiligten einen heftigen Schrecken eingejagt hatten. Die Verhandlung ist im Saal 29 angesetzt. Den nutzt das Gericht für Sitzungen mit größerem Publikumsinteresse. Einen Vorgeschmack auf die mediale Aufmerksamkeit gab es, als die Bild-Zeitung vor knapp zwei Monaten über die Anklage berichtete. Danach folgten etliche Medienanfragen.

Der Fall selbst wirkt heute eher unspektakulär: Ein Pärchen aus Datteln muss sich verantworten wegen des Vorwurfs des „gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr“. Eine Geld- oder Haftstrafe ist möglich für die beiden, die Ende Oktober in Horrorkostümen über eine Straße liefen, Fahrer erschreckt und zum scharfen Abbremsen gebracht haben sollen.

Rund um das Halloween-Fest im vergangenen Jahr war die Aufregung groß. In den Massenmedien war von einer „Horror-Clown-Welle“ die Rede, eine neue Gefahr schien überall zu lauern. Professionelle Clowns gingen auf Distanz. „Einige Klinikclowns wurden damals tatsächlich darauf angesprochen, aber grundsätzlich war den Menschen klar, dass Klinikclowns mit sogenannten ‚Horrorclowns‘ außer dem Wort ‚Clown‘ im Namen nichts zu tun haben“, sagt Elisabeth Makepeace, Vorsitzende des Dachverbands Clowns in Medizin und Pflege Deutschland.

___STEADY_PAYWALL___

Heute haben sich die Meldungen um die Horrorclowns weitgehend verflüchtigt. Ein erstes Urteil gab es vergangene Woche: In Würzburg sprach ein Jugendgericht zwei junge Frauen schuldig und verhängte Jugendarrest bzw. Sozialstunden. Die beiden hatten eine Frau so sehr erschreckt, dass diese heute noch in psychologischer Behandlung ist.

Es sind Einzelfälle, die nachhallen – nachdem Ende 2016 Millionen Menschen über einen gefährlichen Trend diskutierten, der aus den USA über Großbritannien und die Niederlanden nach Deutschland gekommen war. Die „Horror-Clown-Welle“ war ein medialer Aufreger.

Horrorclowns: Schwerpunkt NRW

Nordrhein-Westfalen war damals ein besonderer Schwerpunkt. Das Landeskriminalamt in Düsseldorf verzeichnete insgesamt 415 Fälle – im Oktober und Anfang November. „Wir hatten es mit einem neuen, aber örtlich und zeitlich eng eingegrenzten Phänomen zu tun“, sagt LKA-Sprecher Frank Scheulen, „es trat kurzfristig auf und ist kurzfristig wieder vergangen.“

Wurde damals zu viel Wind um die Sache gemacht? Raymond Walk, von Beruf Polizist und heute CDU-Abgeordneter im thüringischen Landtag, glaubt das nicht. Er kritisierte damals die rot-rote Landesregierung. Sie habe das Thema nicht prominent genug behandelt. „Es war ein Hype. In einer solchen Situation ist es aber wichtig, dass die Einsatzkräfte sensibilisiert sind und die Bevölkerung präventiv informiert wird“, sagt Walk. Gerade die Berichterstattung sei wichtig – auch damit Bürger die Fälle melden und Täter verfolgt werden.

Lars Gräßer, Pressesprecher beim Grimme-Institut in Marl, sieht die Sache zwiespältig. Denn durch den medialen Hype wurde er plötzlich ein viel gefragter Experte für eine bis dato unbekannte Erscheinung – und sogar für kriminalistische Fragen außerhalb seines Fachgebiets. „In vielen Fällen war der Hype aber Unsinn“, sagt Gräßer.

Er versteht die Horrorclowns als Teil des Internetphänomens der Pranks – mitunter fragwürdige Streiche, die nach dem Prinzip der versteckten Kamera gefilmt und ins Netz gestellt werden. Meist blieben solche Dinge im Netz. „Erst als die großen Medienmarken das Phänomen aufgegriffen haben, wurde es zum Hype.“ Dass die Medienberichte die Taten in der Realität erst provoziert hätten, glaubt der Medienwissenschaftler jedoch nicht.

So sind die Horrorclowns ein gutes Beispiel dafür, wie plötzlich ein Thema für Schlagzeilen und Verunsicherung sorgt und ebenso schnell wieder verschwindet. In einem sind sich die Experten einig: Es war eine Eintagsfliege. Auch das LKA in NRW hält es für „unwahrscheinlich“, dass das Phänomen im  Herbst 2017 wieder auftritt. Eine Rolle spielt die Justiz. Wenn die Horrorclowns jetzt verurteilt werden, hat das Wirkung: Im Neonlicht der Gerichtssäle lässt sich geordnet aufarbeiten, was an dunklen, kalten Abenden für den gewissen Thrill sorgen sollte.

Titelfoto: picture alliance

Über den Autor

Tim Farin

Freier Journalist aus Köln, 1976 geboren, Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule, München.

1 Kommentar

Themen

Kategorien