Vatikan-Theologe nach Coming-out: „Die Kirche nimmt Homosexuellen ihre Würde!“

Oktober 2015April 2016

Am 3. Oktober 2015 bekennt sich Krzysztof Charamsa, Mitarbeiter des Vatikan, öffentlich zu seiner Homosexualität. Den Zeitpunkt für sein Coming-out hat der polnische Theologe bewusst gewählt, beginnt doch einen Tag später, am 4. Oktober, in Rom die Weltbischofssynode mit den Schwerpunktthemen Ehe und Familie. Auch der Umgang der Kirche mit Homosexualität soll dort diskutiert werden. Charamsa ist Dozent an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom sowie Mitglied der Glaubenskongregation.

Die Kirche reagiert prompt und entlässt Charamsa aus allen Ämtern. Der Bischof der polnischen Diözese Pelplin ermahnt den Theologen und fordert ihn auf, zum „Amt Christi“ zurückzukehren. Charamsas Sühne bleibt aus, worauf der polnische Bischof ihn am 17. Oktober 2015 vom Priesteramt suspendiert. Ein halbes Jahr später sprechen wir mit Krzysztof Charamsa über sein Coming-out, die Haltung der katholischen Kirche zur (Homo-)Sexualität – und fragen, wie sich sein Leben in den vergangenen sechs Monaten verändert hat.

Krzysztof Charamsa (Jg. 1972), suspendierter Priester im Vatikan, lebt heute mit seinem Partner in Barcelona. Foto: picture alliance/AP Photo

Herr Charamsa, Sie haben sich Anfang Oktober 2015 als schwul geoutet – kurz vor der Weltbischofssynode im Vatikan. Wieso haben Sie diesen Zeitpunkt für Ihr Coming-out gewählt?

Der Beginn der Synode war für mich genau der richtige Zeitpunkt, um die Homophobie der katholischen Kirche öffentlich anzuprangern. Die Kirche und der Vatikan fürchten einzig die Medien und die öffentliche Kritik. Kritik von innen ignoriert die Kirche entweder – oder sie versucht denjenigen, der ihre irrationalen und unmenschlichen Standpunkte kritisiert, aus dem Verkehr zu ziehen.

Hatten Sie das vor Ihrem Coming-out selbst erlebt?

Ja, und die Kirche hat nicht auf meine Kritik reagiert, die ich auf diskretere Art vorgebracht habe. So hatte ich im September 2015 in einer polnischen Zeitschrift anhand eines konkreten Falls auf die feindselige Haltung der Kirche gegenüber Homosexuellen hingewiesen. Unmittelbar nach Erscheinen hat der Vatikan kirchenrechtliche Verfahren gegen mich eingeleitet. Das war für mich eine erneute Bestätigung, dass es in dieser heuchlerischen Kirche keinen Platz für denjenigen gibt, der der Wahrheit dient und sich dem Schweigeregime widersetzt, das im Widerspruch zur frohen Botschaft des Christentums, zum Evangelium, steht.

Das ist eine heftige Kritik Ihrerseits…

Eine Diktatur wie die katholische Kirche nimmt Homosexuellen ihre Würde. Es braucht Mut, sie zurückzuerobern. Das wollte ich vor der Synode zum Ausdruck bringen. Ich zweifle auch heute keine Sekunde daran, dass die Wahl des Zeitpunkts für mein Coming-out richtig war. Der Hass, den mir Katholiken und Klerus danach entgegenbracht haben, ist für mich die Bestätigung, dass es meine Gewissenspflicht war, die kirchliche Lehre über die Homosexualität und ihre Heuchelei vor der Synode anzuprangern.

Die harsche Reaktion der Kirche auf ihr Coming-out war absehbar – Sie wurden suspendiert. Die Zeitungen bezeichneten es als „Erdbeben“, als „Gewitter“. Haben Sie mit diesem starken Echo gerechnet – oder haben Sie es sogar beabsichtigt?

Ja, mein Coming-out war öffentlicher Protest: Zum ersten Mal hat ein Mitglied der Glaubenskongregation die Homophobie der Kirche angeprangert, also jemand, der in dieser Institution gearbeitet hat. Die Reaktion war vergleichbar mit den Methoden eines diktatorischen Regimes, das mit niemandem diskutiert, das nicht nach Erklärungen fragt, das keinerlei Raum für Dialog gewährt. Es versucht, die kritische Stimme um jeden Preis zum Schweigen zu bringen, sie zu verleumden, sie zu eliminieren, ihr die Glaubwürdigkeit und das Ansehen zu nehmen.

Diese Kirche ist offensichtlich nicht die Gemeinde, die Papst Franziskus den Medien präsentiert, in der sich die Brüder umeinander kümmern, miteinander sprechen und mit Barmherzigkeit behandeln. Wir haben es mit einem machtvollen Regime zu tun, das ausschließlich um sein öffentliches Image besorgt ist.

Ich habe inneren Frieden gefunden.

Hat die Kirche denn mit Ihnen Kontakt aufgenommen?

Nimmt man das Evangelium beim Wort, sollte man meinen, dass eine feinfühlige Kirche unverzüglich das Gespräch mit demjenigen suchen würde, den sie für „verloren“ hält. Stattdessen hat sie auf einer Pressekonferenz über mich gesprochen als denjenigen, „der nicht mehr hier arbeitet“ – und damit meine Suspendierung bekanntgegeben.

Sechs Monate sind seit Ihrem Coming-out vergangen. Was hat sich in Ihrem Leben am meisten geändert?

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Die letzten sechs Monate waren eine Zeit großer Freude, denn ich habe meine Würde zurückgewonnen. Aus menschlicher und christlicher Sicht war es die Zeit meines großen persönlichen Sieges über das System, das in Bezug auf LSBTTIQ-Personen paranoid, homophob – ja: schlicht und ergreifend unmenschlich ist. Hier habe ich gesiegt und inneren Frieden gefunden. Allerdings war diese Zeit nicht frei von Sorgen – schließlich habe ich meine Arbeit verloren, der ich fast 20 Jahre gewidmet habe, und bin nun gezwungen, völlig von vorne anzufangen.

Können Sie die Reaktionen anderer Priester beschreiben?

Die Priester, die ich kannte, haben jedweden Kontakt zu mir abgebrochen, so als würde ich nicht mehr existieren. Die sehr wenigen, die in Kontakt bleiben wollen, tun dies im Verborgenen. Täten sie dies öffentlich, würde die Kirche sie verfolgen. Sie leben in großer Angst vor dem System. Langjährig befreundete Priester muss ich im Verborgenen treffen – beschämend! Dieses Verhalten der Kirche ist unmenschlich, insbesondere den Priestern gegenüber, die total von ihr abhängig waren. Selbst die Bücher, die ich als Priester geschrieben habe, dürfen von niemandem in der Kirche mehr gelesen werden, ganz gleich, ob sie in Fragen der Glaubenslehre korrekt sind oder nicht. In meiner Diözese wurde überprüft, ob irgendwelche Priester in den sozialen Netzwerken mit mir befreundet sind. Ist das der Fall, müssen sie die virtuelle „Freundschaft“ aufkündigen.

Mit der Homosexualität hat die Kirche ein besonders großes Problem. Sie hält sie für krank, möchte sie unsichtbar halten.

Wie würden Sie die Haltung der katholischen Kirche zur Sexualität – und speziell zur Homosexualität – beschreiben?

Die Kirche betrachtet die Sexualität und insbesondere die Homosexualität sehr argwöhnisch als etwas äußerst Negatives. Man könnte sagen: Es herrscht Panik. Gleichzeitig ist die Kirche von Sexualität wie besessen. Das Ergebnis ist eine Art Doppelleben und eine heuchlerische Falschheit. Mit der Homosexualität hat die Kirche ein besonders großes Problem. Sie hält sie für krank, möchte sie unsichtbar halten. In der Gesellschaft aber bekennen sich die Homosexuellen zunehmend furchtlos zu ihrer Sexualität und finden Rückhalt in den Menschenrechten. Das versetzt die Kirche in unbeschreibliche Angst, weil sie nicht weiß, was sie tun soll. Die Kirche schließt die Schwulen aus, so wie sie die ach so gefährlichen psychisch Kranken ausschließt.

Welche Haltung sollte die Kirche einnehmen?

Sie sollte sich auf objektive und wissenschaftliche Weise mit den verschiedenen sexuellen Orientierungen beschäftigen, statt in ihren Stereotypen verhaftet zu bleiben. Würde sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Homosexualität anerkennen, wäre die Kirche in der Pflicht, die Homosexuellen um Verzeihung zu bitten und ihre homophobe und irrationale Haltung aufzugeben zugunsten des Lichts der modernen wissenschaftlichen Erkenntnis und der menschlichen Erfahrung.

Wie kann man als Homosexueller Frieden finden mit einer Institution, die etwas so Grundlegendes wie die sexuelle Orientierung ablehnt?

Ich bin überzeugt: Mit so einer Institution kann man keinen Frieden finden. Ein Mensch kann – um seiner eigenen psychischen Gesundheit willen – seine sexuelle Orientierung nicht fortwährend geheim halten. Aber in der katholischen Kirche herrscht weiter dieses unmenschliche, grausame Verbot: Ein homosexueller Gläubiger darf seine sexuelle Orientierung nicht offenbaren. Wer mit so einer Lüge lebt, kann sich spirituell nicht weiterentwickeln.

Stehen Sie in Kontakt mit anderen homosexuellen Geistlichen?

Ja, ich kenne sehr viele schwule Priester, und jetzt, da ich frei bin, haben sich die Kontakte zu schwulen Priestern aus aller Welt vervielfacht. Beim größten Teil der schwulen Priester, die ich kennengelernt habe, nehme ich einen aufrichtigen Glauben an Gott wahr, allerdings gepaart mit einem tiefen Leiden. Es herrscht große Angst, es gibt enormen Stress – sie durchleben diese Gefühle als Folge der verinnerlichten Homophobie.

Stellen Sie sich vor, ein homosexueller Teenager erzählt Ihnen von ihrem oder seinem inneren Konflikt zwischen der Sexualität auf der einen und dem Glauben auf der anderen Seite: Was würden Sie raten?

Ich würde raten, seiner eigenen Natur gemäß zu leben. Ohne ein solches Selbstvertrauen kann man weder glücklich noch gläubig sein. Ich würde ihm raten, der Kirche gegenüber aufrichtig zu sein. Jeder katholische Homosexuelle sollte die Kirche wissen lassen, dass sie seinen Glauben behindert. Tatsächlich ist es ja bereits so, dass die Mehrheit der katholischen Homosexuellen aufhört, in der Kirche ihren Glauben zu praktizieren.

Homophobie ist eine Sünde.

Braucht es stärkeren Protest?

Ich glaube ja: Es braucht den Mut, der Kirche ihre Fehler vor Augen zu führen. Am konsequentesten finde ich die Schwulen und Lesben, die Apostasie vollführen, also förmlich aus der Kirche austreten. Das ist die angemessene Reaktion, solange die Kirche sie nicht respektiert. Es wäre geboten, kollektiv gegen die Blindheit der Kirche aufzubegehren, um sie endlich aufzurütteln. Auch die Personen, die von der Kirche ausgeschlossen worden sind, haben das Recht und die moralische Pflicht, der Kirche klar zu machen, dass sie nicht einfach verschwinden. Homophobie ist eine Sünde der Männer, die in der Kirche das Sagen haben. Es gibt dafür keine Berechtigung.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie „schon immer“ wussten, dass Sie schwul sind. Warum haben Sie sich dennoch entschieden, Priester zu werden?

Ich bin Priester geworden, weil es für mich keinen Widerspruch gibt zwischen dem Schwulsein und dem Priestertum. Objektiv betrachtet ist Schwulsein kein Hinderungsgrund für das Priesteramt. Es gibt fantastische schwule Priester. Nur stigmatisiert die Kirche die Homosexuellen, hält sie für unreif und unverantwortlich. Papst Benedikt XVI. hat sogar einen Erlass veröffentlicht, demzufolge schwule Priester-Anwärter nicht zum Amt zugelassen werden dürfen. Dieser Erlass ist homophob. Als ich auf den Ruf Gottes zum Priester antwortete, fügte ich mich dem Denken der Kirche und verleugnete meine sexuelle Orientierung.

Wie bestreiten Sie aktuell Ihren Lebensunterhalt?

Momentan suche ich eine feste Arbeit, bin aber zugleich sehr beschäftigt: Ich schreibe, ich treffe viele Menschen, spreche auf Konferenzen oder gebe Interviews wie dieses hier. Dennoch möchte ich mit Arbeit auch Geld verdienen.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Ich möchte in Frieden leben und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, eine neue Betätigung finden und zum Nutzen derer arbeiten, die unter der Homophobie der katholischen Kirche leiden. Ich möchte die Lebensfreude genießen, die ich vor sechs Monaten zurückerobert habe. Gleichzeitig möchte ich nicht die Sorge und das Mitgefühl für die verlieren, die nach wie vor leiden, die nicht so viel Glück hatten wie ich und deren geistige Stärke nicht ausreicht, um sich gegen die diskriminierenden und verletzenden religiösen Institutionen zu stellen. Wir dürfen es nicht zulassen, dass eine homophobe Institution wie die katholische Kirche uns verletzt und brandmarkt.

Ein halbes Jahr nach der Familiensynode, am 9. April 2016, veröffentlicht Papst Franziskus sein Schreiben „Amoris Laetitia – Die Freude der Liebe“. In den Absätzen 250 und 251 des Berichts thematisiert er die Homosexualität. Er schreibt zunächst, „dass jeder Mensch, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, in seiner Würde geachtet und mit Respekt aufgenommen werden soll“. Gleichwohl sollten „diejenigen, welche die homosexuelle Tendenz zeigen, die notwendigen Hilfen bekommen können, um den Willen Gottes in ihrem Leben zu begreifen und ganz zu erfüllen.“ Was die gleichgeschlechtliche Ehe betrifft, ist der Bericht eindeutig: Es gebe „keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn“.

Übersetzt aus dem Italienischen

Über den Autor

David Korsten

*1982, freier Autor und Journalist in Köln

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