Pokémon gone?

Juli 2016Juli 2017

Der Hype um das Smartphone-Spiel – und was davon geblieben ist

Vor einem Jahr sprach ganz Deutschland über ein Handyspiel: Pokémon Go. Am Kölner Dom trafen sich die Spieler zur „Gamer-Schlacht“, in Düsseldorf behinderten die zumeist jungen Menschen den Verkehr auf der Königsallee. Das Spiel, bei dem man mit dem Smartphone auf Monsterjagd in der echten Welt geht – es war eines der Top-Themen im Sommer 2016.

Das Interesse hat sich inzwischen gelegt, die großen Zusammenrottungen von Spielern sind heute nicht mehr zu sehen. Der Neuigkeitswert der App ist weg. „Aber man kann feststellen, dass Pokémon Go ein überdurchschnittlich großer Erfolg ist und bleibt“, sagt Claus-Peter Ernst, Professor für Allgemeine BWL und Wirtschaftsinformatik an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Denn: Selbst wenn die App heute nicht mehr in den Nachrichten steht – sie ist ein Dauerbrenner. Bei Apple und in den Google-Charts gehöre Pokémon Go bis heute zu den umsatzstärksten Anwendungen, sagt Ernst. „Der Entwickler Niantic hat eine sehr starke Spieler-Basis aufgebaut, mit der er viel Geld verdient.“

1,2 Milliarden US-Dollar – so viel hat Niantic laut dem US-Unternehmen Apptopia bislang mit Pokémon Go umgesetzt, vor allem durch den Verkauf zusätzlicher Angebote innerhalb der App.

Die aktuelle Auswertung zeigt: 752 Millionen App-Downloads. 100 Millionen Spieler waren laut Apptopia im August 2016 aktiv. Der Höhepunkt ist zwar längst überschritten. Doch im Juni 2017 waren es immer noch 60 Millionen weltweit – nicht schlecht für eine vermeintliche Eintagsfliege.

Andererseits: War das Spiel vor einem Jahr auch interessant für das Marketing etwa im lokalen Handel, so ist das jetzt vorbei. Philipp Steuer, Digitalmarketingexperte aus Köln: „Für Unternehmen, die ja Zeit und Geld für’s Marketing aufwenden müssen, lohnt es sich aktuell nicht mehr.“ Es sei schwierig, die App nachhaltig dafür einzusetzen – damals gab es viele Firmen, die das Thema für die Eigenwerbung nutzten.

Vor allem Ältere spielen noch

„Die große Spielerlawine hat Pokémon Go wohl dauerhaft hinter sich gelassen“, sagt Gerald Himmelein, Fachjournalist bei c’t und heise – und selbst begeisterter Pokémon-Spieler. Die Spieler-Community sei aber noch sehr lebendig: „Ich treffe immer wieder Pokémon-Go-Spieler unterwegs, andere Spieler organisieren sich in Gruppen-Chats und über Facebook.“

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Zu ihnen gehört Alex Regh (50) aus Köln: „Ich bin von Anfang an dabei. Mich motiviert das Spiel, auch mal rauszugehen und in Bewegung zu bleiben.“ In der Community und an Poke-Stops draußen beobachtet er, dass vor allem die Älteren noch spielen.

Der Entwickler tut eine Menge, damit möglichst viele Menschen dabeibleiben oder wieder einsteigen. Allerdings braucht er für das Einstellen wichtiger Features aus Sicht der Spieler immer wieder ziemlich lange. Ende Juni, zum einjährigen Jubiläum, schaltete er eine neue Funktion für fortgeschrittene Spieler frei, die jetzt gemeinsam in Arenen gegen besonders starke Pokémon-Bosse antreten. In der Szene war das ein großes Thema – ähnlich wie das weltweit erste offizielle Pokémon Go-Fest, das am 22. Juli in Chicago ansteht. Die 50.000 Tickets waren am 19. Juni Minuten nach dem offiziellen Verkaufsstart vergriffen und sind nun auf dem Schwarzmarkt begehrt. „Hier zeigt sich das große Potential der Verknüpfung von realer und digitaler Welt“, sagt Ernst.

Vorreiter der „Augmented Reality“

Für den Frankfurter Forscher hat das Spiel eine neue Ära eingeleitet, das Zeitalter der „Augmented Reality“ (AR), der computergestützten Erweiterung der Wahrnehmung unserer Realität. Den Begriff kenne zwar noch nicht jeder – aber fast jeder habe schon einmal etwas von Pokémon Go gehört. Wenn die künftigen Smartphone-Generationen neue AR-Technologien enthalten und neue Geräte auf den Markt kommen, glaubt Ernst an viele weitere Anwendungen. Nicht nur für Spiele werde die Technik interessant sein, sondern auch für andere Unterhaltung wie Kurzfilme im eigenen Zuhause – oder auch für praktische Anwendungen wie die Planung von Möbeln in der eigenen Wohnung.

Überzeugte Gamer schalten die „Augmented Reality“-Funktion bei Pokémon Go übrigens ab. „Saugt irre am Akku, erleichtert das Spiel nicht im geringsten“, sagt Experte Himmelein.

Photo credit: shikiro famu via VisualHunt.com / CC BY

Über den Autor

Tim Farin

Freier Journalist aus Köln, 1976 geboren, Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule, München.

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