Tafeln in Not

Januar 2017Juli 2017

Zu Jahresbeginn schlugen die Tafeln in NRW Alarm. Es gab Engpässe bei der Versorgung von Bedürftigen, die Helfer brauchten Hilfe. Wie sieht es jetzt aus, ein halbes Jahr später?

Köln-Dellbrück, Donnerstag, 15 Uhr. Etwa 25 Menschen stehen Schlange und warten, um Salat, Gemüse, Joghurt, Obst oder Fleisch in ihren Taschen zu verstauen. Es gibt manche, die kommen schon seit mehreren Jahren hierher zur Tafel, einige sind heute zum ersten Mal hier. Etwa eine türkischstämmige Familie, Mutter, Vater, Onkel, zwei Kinder. Eigentlich müssten sie nach Holweide, erklärt ihnen Elke Hock, Leiterin der Tafel in Dellbrück. Denn kostenlose Lebensmittel gibt es nur für Bedürftige, die im Stadtteil wohnen.

Vielen älteren Menschen geht es wie Elvira Saus (69): Die Rente reicht nicht zum Leben.
Vielen älteren Menschen geht es wie Elvira Saus (69): Die Rente reicht nicht zum Leben.

Doch weil bald Wochenende ist, macht Hock eine Ausnahme, die Familie geht mit dem Nötigsten nach Hause. „Es fällt uns schon schwer, hierher zu kommen“, sagt der Onkel der Familie. „Wir machen das wegen der Kinder. Wir Erwachsenen können auch mal zwei, drei Tage nichts essen. “ Die meisten Menschen bei der Ausgabe schämen sich, möchten nicht über ihre Situation sprechen oder zumindest nicht namentlich genannt werden. Viele der Älteren sagen, sie seien sehr froh, dass es die Tafel gibt. „Seit etwa einem Jahr komme ich hierhin. Meine Rente reicht einfach nicht zum Leben“, sagt Elvira Saus, 69.

Gestiegene Nachfrage bringt Tafeln in Not

So geht es offenbar vielen Menschen – nicht nur in Köln, sondern bei einem Großteil der ca. 170 Tafeln in NRW. „Wir beobachten schon, dass die Nachfrage seit Anfang des Jahres deutlich gestiegen ist“, sagt Evi Kannemann. Sie leitet die Tafel in Hamminkeln am Niederrhein und engangiert sich im Vorstand der Tafeln NRW als Logistikerin. Neben den „Aufstockerfamilien“ wachse die Zahl älterer Menschen mit schmaler Rente, die auf zusätzliche Unterstützung angewiesen sind. „Früher haben sich viele aus Scham nicht an uns gewandt“, sagt Kannemann. Das sei inzwischen anders.

Auch geflüchtete Menschen, die inzwischen in Deutschland angekommen sind, erhalten Hilfe. Für diese Gruppe habe man in Hamminkeln etwa einen speziellen Asyltag eingerichtet. „Auf Grund der sprachlichen Barrieren brauchen wir einfach mehr Zeit“, sagt Kannemann. Außerdem seien manche Nahrungsmittel wie Kohlrabi in den Herkunftsregionen unbekannt. Daher gehe es auch darum, den Menschen die für sie exotischen Gemüse- und Obstsorten zu erklären und sie zum Ausprobieren zu ermuntern.

Erschöpfte Kapazitäten, überlastete Helfer

Doch mancherorts gibt es keine Lebensmittelausgabe, nicht allein wegen der steigenden Nachfrage. „Wir in Köln sind eine Verteilertafel, das heißt wir betreiben selbst keine Ausgabestellen“, erklärt Karin Fürhaupter, Vorsitzende der Kölner Tafel. Deshalb sei man auf Partner angewiesen, die die Versorgung organisieren. Die aber seien in manchen Stadtteilen schwer zu finden, sagt sie. Manche Kölner Tafeln können zudem keine weiteren Menschen mehr aufnehmen. „Die räumlichen und personellen Kapazitäten sind an vielen Stellen erschöpft“, sagt Fürhaupter. Die meisten der ehrenamtlichen Helfer seien bereits älter und nicht mehr so belastbar, außerdem fehle es an Nachwuchs.

Insbesondere beim Fahrdienst gebe es massiven Bedarf an Freiwilligen. Denn die Touren von Supermarkt zu Supermarkt würden immer komplizierter. „Das liegt auch an den verbesserten Bestellsystemen der Märkte“, sagt Fürhaupter. Denn die Technik reduziert die Lebensmittelverschwendung – aber die Tafeln erhalten dadurch an den einzelnen Märkten weniger Spenden. Das bedeutet: Um die benötigten Mengen für die Menschen in Not zusammenzubekommen, müssen die Fahrer mehr Orte anfahren. Und das kostet Zeit.

Versorgung von 130 Haushalten: Beim Team der Tafel in Köln-Dellbrück sind die Engpässe noch nicht so deutlich zu spüren.
Versorgung von 130 Haushalten: Beim Team der Tafel in Köln-Dellbrück sind die Engpässe noch nicht so deutlich zu spüren.

Bei der Tafel in Dellbrück zeigen sich diese Probleme noch nicht so deutlich, sagt Elke Hock. Zusätzlich zu den Lebensmitteln aus dem Supermarkt erhalte man private Spenden, einige unterstützen auch mit Geld. Etwa 130 Haushalte versorgen die ehrenamtlichen Helfer in Dellbrück. Viel mehr als 140 könne man allerdings auch hier nicht aufnehmen, sagen die Ehrenamtler.

Fotos: (c) David Korsten

Über den Autor

David Korsten

*1982, freier Autor und Journalist in Köln

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