Terror in Burkina Faso

Januar 2016Juli 2016

Am 15. Januar 2016 trifft der islamistische Terror die Hauptstadt Burkina Fasos: In Ouagadougou attackieren schwer bewaffnete Kämpfer ein Hotel und ein Restaurant im Zentrum der Millionenstadt. 30 Menschen sterben – und Al Qaida im Maghreb und Al Mourabitum übernehmen die Verantwortung. Während in den Nachbarländern seit Jahren gewaltreiche Konflikte toben, war Burkina Faso weitgehend verschont geblieben. Wie hat der islamistische Terror vom Januar die Menschen getroffen? Hat der religiös motivierte Extremismus die Menschen verändert? Drei Stimmen aus Burkina Faso ein halbes Jahr danach.

Daouda Sanguisso, Dolmetscher und Englischlehrer

Zwar hat der Terror Daouda Sanguissos Leben nicht direkt verändert, doch fühlt er sich nicht mehr so sicher wie einst, wenn er von internationalen Gästen genutzte Hotels und Restaurants betritt – was er beruflich oft tut. „Man merkt, dass das Land in Gefahr ist und jederzeit getroffen werden kann. Man merkt, wie verletzlich man ist, denn man kann überhaupt nicht einschätzen, von wo die Gefahr kommen könnte.“ Sanguisso vertraut der Regierung, dass sie das Mögliche tut, um Terrorismus abzuwehren. Doch das sei eben nur begrenzt möglich.

Die Polizei patrouilliere häufiger in seinem Ortsteil, vor strategisch wichtigen Gebäuden sehe man mehr Sicherheitskräfte. Auch gebe es vor Büros neuerdings Sicherheitskontrollen mit Gepäckuntersuchung. Doch Sanguisso zeigt sich optimistisch: Der Terrorismus habe in der Gesellschaft nicht viel bewirkt, was daran liege, dass Burkina Faso ein laizistisches Land sei und das Zusammenleben der Religionen hier tief verankert sei – auch engagiere sich die Regierung, um den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu fördern. Die Freundschaften zu Christen haben sich für Sanguisso, selbst gläubiger Moslem, nicht verändert. „Ich glaube auch nicht, dass sich an diesem Zusammenleben etwas ändern wird, denn alle Familien in unserem Land sind ja gemischt mit Moslems, Katholiken und Protestanten.“

Sanguisso findet aber, dass auch die Vertreter des Islam stärker in Erscheinung treten sollten, um über ihren Glauben aufzuklären und ihre Botschaften auch außerhalb der Moscheen friedlich zu verbreiten. Doch für den Dolmetscher gibt es noch eine andere Ebene: Menschen würden oftmals zu Terroristen, glaubt er, weil die Gesellschaft ihnen nicht genug Bildung und Beschäftigung biete. Für Sanguisso liegt genau hier die Aufgabe, um weiteren Terror zu vermeiden.

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Jean-Marie Samyn, Landesdirektor Burkina Faso, Helvetas

Aus Sicht der Schweizer Hilfsorganisation Helvetas hatte sich länger angedeutet, dass Burkina Faso nicht mehr sicher ist. „Wir kannten das Risiko schon vor den Anschlägen, denn die Situation in Nordmali hat die Sicherheit der gesamten Region verschlechtert“, sagt Jean-Marie Samyn. Auch in Burkina Faso gab es schon länger so genannte „rote Zonen“, die Helvetas meidet. Grundlage dafür sind Informationen von offizieller französischer Seite.

Samyn hatte seinen ersten Einsatz in dem Land vor mehr als 30 Jahren hatte, als es noch Obervolta hieß. Seither kennt er die Gesellschaft. Er war lange angetan davon, wie hier die Religionen friedlich zusammenlebten. „Leider scheinen sich die Dinge mit dem Einfluss einiger arabischer Länder und der Beförderung eines eher fundamentalistischen Islam unter dem Einfluss des Wahhabismus und Salafismus zunehmend zu verschlechtern. Das könnte in Zukunft ein echtes Problem werden, wenn nichts getan wird, um die Verbreitung dieser Art Botschaften durch extremistische Prediger zu unterbinden.“

Samyn glaubt, dass in Burkina Faso manche Leute diese Konflikte bereits im Alltag spüren. „Ich denke, dass die Gesellschaft die Fähigkeit besitzt, sich zu behaupten.“ Doch Samyn sagt auch, dass der religiöse Hass in vielen Ländern seinen Raum gefunden habe – das müsse in Burkina Faso verhindert werden.

Félix Ouedraogo, Projektkoordinator bei der Welthungerhilfe

Die Anschläge vom Januar, sagt Ouedraogo, hätten die Hauptstadt unvorbereitet getroffen, wie ein Schock – und auch das Verhalten der Menschen geprägt. Es sei ein lang wirkender Vertrauensbruch, wenn Terroristen die Sicherheitskräfte überrennen können. „Die Regierung muss hier erst wieder das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen.“ So vermeidet es Ouedraogo heute nach Möglichkeit, an Orte zu gehen, wo „weiße Leute“ normalerweise sind.

Die Gesellschaft zeige sich wachsamer, findet Ouedraogo, es gebe mehr Checkpoints im Land und auch Telefonnummern auf Taxen, die man anrufen kann, um verdächtige Beobachtungen zu melden. Was Ouedraogo aber auch beobachtet hat, ist eine Zunahme von Menschen, die die Ordnung selbst in die Hand nehmen möchten: Sie organisieren sich in ihren Orten in so genannten „Koglweogo“, was „Schutz des Busches“ bedeutet. Auf eigene Faust sagen sie Dieben und Straßenräubern den Kampf an. Zwar habe ihr Entstehen eigentlich nichts mit dem Terror zu tun – doch ihr bestimmtes Auftreten führe auch zu Missverständnissen und zeige ein Problem: Denn eigentlich solle ja der Staat für die Sicherheit sorgen, findet Ouedraogo.

Was die Auswirkung des Terrors auf das Zusammenleben betrifft, zeigt sich der Projektkoordinator der Welthungerhilfe optimistisch: „Der soziale Zusammenhalt zwischen religiösen Gruppen ist eher stärker geworden“, findet Ouedraogo. Er nennt das Beispiel der katholischen Geistlichen, die zum Fastenbrechen bei muslimischen Gemeinden gastierten. Für Ouedraogo sind alle Mitglieder der Gesellschaft gefragt, am Zusammenhalt zu arbeiten – und sei es durch das Melden möglicher Straftaten.

Über den Autor

Tim Farin

Freier Journalist aus Köln, 1976 geboren, Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule, München.

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